Russian Fever | Auszug aus Kapitel 1

01.05.2019

Als ich aus meiner kleinen Wohnung ging, zog ich als erstes meine Schutzmaske über Mund und Nase. Es wurde hier draußen immer schlimmer ... der Dunst und die Abgase der Schmelzen und Fabriken erfüllten die Luft jeden Tag ein wenig mehr. Nur die wenigsten trauten sich noch ohne Schutz außer Haus.

Als ich noch ein kleiner Junge gewesen war, hatte ich wenigstens noch ein wenig draußen spielen können. Aber mit den Jahren waren immer mehr Fabriken aus dem Boden geschossen, deren Müll die Luft um ums herum verpestete und das spielen draußen unmöglich machte.

Einst war St. Petersburg eine wunderschöne Stadt gewesen. Zu Hause von Zaren und durch die Anbindung an den Golf von Finnland einst eine wichtige Handelsstadt. Natürlich war auch der Fluss Neva als Handelsrute nicht zu verachten.

Doch die einstige Schönheit der Stadt war vergangen. Im Wandel der Zeit war aus der Stadt 'Neo Petersburg' geworden, auch der Klimawandel und die Erderwärmung hatten ihre Tribute gefordert und große Teile der Stadt waren vom Wasser verschlungen worden. Es hatten neue Brücken gebaut werden müssen, die Häuser ausgebaut und umgebaut. Und auch die Industrialisierung hatte nicht Halt vor der Stadt gemacht. Jetzt war Neva eine dunkle Brühe, die sich zäh durch die Gassen der Stadt zog und mit den Resten der Fabriken vollgepumpt wurde.

Tagtäglich schwebte eine dichte Wolke aus Asche, Staub und Dunst über der Stadt und verdunkelte den Himmel. Nur selten kam die Sonne überhaupt bis auf den Boden herunter. Und wenn es regnete, musste man sich in Acht nehmen damit er einen nicht die Haut verätzte.

Auf dem Weg zur Arbeit kam ich an vielen kleinen Häusern vorbei, die von Leuten aus der Arbeiterklasse bewohnt wurden. Unser Leben hier war nicht leicht, unter den gegebenen Umständen, aber ich hätte es nie anders gewollt.

Für jedes bisschen Luxus mussten wir hart arbeiten, mussten unseren Körper ruinieren um an ein wenig Fleisch oder frisches Obst zu kommen.

Viele hatten ihr Leben bereits aufgegeben, wollten so nicht mehr weitermachen. Doch der Tod dieser Menschen, den sie zum Teil freiwillig suchten, interessierte niemanden aus der Oberschicht.

Den Privilegierten ... den Reichen ... den Adligen. Sie lebten über den Wolken ... über der Asche, dem Tod ... dem ganzen Verderben. Sie führten ein glanzvolles und sorgloses Leben in ihren Luftschiffen und brauchten sich nicht mit den Sorgen herumschlagen, die uns am Boden quälten. Für sie war alles leicht.

Meine Familie und ich hatten es am eigenen Leib erfahren dürfen, wie egal es den Obigen war, wenn uns ein Leid zustieß.

Damals als meine Mutter ums Leben gekommen war, bei einer Explosion in der Fabrik in der sie gearbeitet hatte. Mein Bruder Luca und ich waren zu Halbwaisen geworden und wir hatten nur noch Vater, der sich um uns kümmern konnte.Und bei Gott ... er hatte es versucht und sein Bestes gegeben. Er hatte versucht uns Mutter zu ersetzen, hatte sich abgearbeitet um uns am Leben zu halten, uns ein Leben zu bieten, uns vielleicht eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Luca hatte es tatsächlich zu etwas gebracht. Er war in dem Fall der Klügere von uns Beiden gewesen, derjenige, der nicht immer gleich seinen Mund aufriss und sagte, was ihm in den Sinn kam. Er leitete jetzt eine der Schmieden und hatte Vater stolz gemacht.

Für mich war nicht ganz das herausgesprungen, was für meine Familie eigentlich typisch war.

Klein und schmächtig wie ich war konnte ich kaum in einer der Schmieden arbeiten, konnte keine schweren Arbeiten verrichten und war selbst in den Augen mancher Arbeiter nicht viel wert.

Viele hatten meinen Vater unverhohlen gefragt, warum er mich nicht gleich nach meiner Geburt auf die Straße geworfen hatte. Aber er liebte mich nicht weniger, nur weil ich nicht die gleiche Arbeit verrichten konnte wie er oder Luca oder der Rest unserer Familie.

Vater sagte immer, ich besäße das Hirn meiner Mutter, hatte Köpfchen auch wenn ich manchmal nicht wusste, wie ich es richtig einsetzen konnte. Und ich besaß ihre geschickten Finger, was mich auf meine Art wertvoll machte.

Denn ich hatte es geschafft dort Arbeit zu finden, wo viele gerne hin wollten.

Ich arbeitete in einer der Uhren- und Zahnradfabriken und fertigte die schönen Dinge, die die Obigen so gerne hatten. Edle Geschmeide aus feinstem Gold oder Silber, besetzt mit Perlen, Edelsteinen und den schönsten Verzierungen, die sich kaum einer von uns vorzustellen wagte.

Am Ende der Straße öffnete ich das Gartentor zum Haus meiner Eltern. Ich erkannte Luca bereits im Fenster und winkte ihm zu. Er erwiderte die Geste und als ich an die Tür trat, wurde sie bereits von meinem Vater geöffnet. Es war eines der wenigen Dinge, die ich nach meinem Auszug aufrecht erhalten hatte. Zwar hätte ich weiterhin bei meiner Familie wohnen können, aber ich konnte mir von meinem Lohn ein kleines Appartement leisten, mit Küche und Bad.

Aber das Frühstück gehörte zu den Dingen, die ich mit Vater und Luca teilte.

"Morgen Piotr," begrüßte mich mein Vater.

Anton überragte mich um beinahe zwei Köpfe und war dreimal so breit wie ich. Doch die schwere Arbeit in den Schmieden hatte ihn gezeichnet. Seine Hände waren mit Brandnarben übersät, und das schwere Werkzeug hatte ihn ein wenig zusammen schrumpfen lassen, sodass er gebückt ging. Aber er besaß die gütigsten Augen, die ich je gesehen hatte. Ein klares blau in denen manchmal noch immer der Schalk der Jugend saß und das einst blonde schulterlange Haar war an manchen Stellen bereits ergraut.

Als ich ins Innere trat zog ich meine Schutzmaske von Mund und Nase und ließ sie um meinen Hals baumeln.

Ich umarmte meinen Vater, ehe ich mich zu dem Gemälde neben der Tür umdrehte.

"Guten Morgen Mama." Ich presste meine Lippen an Zeige- und Mittelfinger, ehe ich sie auf das vergilbte Portrait drückte.

Mein Vater schlang seinen Arm um meine Schultern und zog mich in die Küche, wo Luca bereits mit dem Essen auf uns wartete. Ich wusch mir schnell die Hände, ehe ich mich mit an den Tisch setzte.

"Wie läuft es in der Fabrik Petjenka?"

"Lass den armen Jungen doch in Ruhe essen Luca! Du siehst doch, dass er völlig abgemagert ist!"

Luca sah Vater an, als ob er den Verstand verloren hatte. "Willst du mich verarschen? Der kleine Scheißer schneit jeden Morgen bei uns rein, schlägt sich den Bauch voll und verschwindet dann wieder ... ich darf ihn ja wohl noch fragen, wie es auf der Arbeit läuft oder? Er muss es mir ja nicht zeigen ... nur sagen!"

"Ich kann es dir auch zeigen," frotzelte ich. "Wenn meine bescheidenen Fähigkeiten zu deiner Erheiterung beitragen Luca."

"Ach halt doch die Klappe Petjenka! Als ob dich nicht jeder für das begnadete Kind halten würde."

Ich warf einen zweifelnden Blick in die Richtung meines Bruders. "Hmm ... so begnadet, dass sie mich früher gern zum Nachtisch verspeist hätten, wenn Vater sie gelassen hätte. Ich bin nichts Besonderes Luca ..." Ein lautes Seufzen kam über meine Lippen

Mein Bruder gab ein abfälliges 'tsk' von sich. "Die Anderen sind Idioten. Du bist besonders Petjenka. Und das wissen wir alle und Mutter hat es von Anfang an gewusst."

"Luca hat Recht Piotr," stimmte Vater zu. Für gewöhnlich hielt er sich aus unseren Gesprächen raus, ließ uns hin und her streiten.

"Deine Mutter wusste vieles, war eine kluge Frau ... und als sie dich zum ersten Mal im Arm hielt sagte Lilija zu mir, sie sagte: 'Anton ... Anton, eines Tages wird unser Piotr etwas großartiges vollbringen. Er ist zu etwas Besonderem bestimmt, du wirst es sehen.' - Und eure Mutter hat sich nur selten bei etwas geirrt."

Schweigen viel über den Tisch. Denn damit hatte Vater Recht. Mutter hatte ein untrügliches Gespür für Dinge gehabt, die passieren würden.

Auch an ihrem Todestag hatte sie sich von uns verabschiedet. Nie würde ich ihre letzten Worte an mich und Luca vergessen. Sie hatten sich unauslöschlich in mein Gedächtnis gebrannt.

"Versprecht mir, dass ihr immer gut aufeinander Acht geben werdet." Sie hatte uns in den Arm genommen. "Egal was passiert, ich werde euch immer lieb haben."

Danach hatte noch ein jeder einen Kuss bekommen, ehe sie in die Arbeit gegangen und nie wieder nach Hause gekommen war. Ich war damals sieben gewesen, Luca zehn.

"Vielleicht hatte sie nur dieses eine Mal unrecht?"

Vater schüttelte den Kopf. "Nein Piotr. Du bist der erste Mann in unserer Familie, der das filigrane Handwerk der Uhrmacher erlernt hat. Und das ist das Besondere Piotr."

Ich sagte nichts mehr dazu. Es endete meist in sinnlosen und stundenlangen Diskussionen in denen Vater und Luca mich überzeugen wollten. Und so viel Zeit hatte ich heute definitiv nicht. Ich hatte noch einiges an Arbeit vor mir und am Abend rief das Vergnügen in einer der Bars.

Das restliche Frühstück verlief in geordnetem Rahmen. Danach ließen Luca und ich Vater allein zu Hause. Mit unseren Schutzmasken im Gesicht eilten wir durch die dicht gefüllten Straßen. Unsere Fabriken lagen auf dem gleichen Weg und es machte die schreckliche Atmosphäre ein wenig angenehmer.

Ich trennte mich von Luca am Eingang zur Zahnradfabrik und machte mich auf zu meinem Arbeitsplatz. Wir würden uns in ein paar Stunden wieder sehen, wenn Luca vor der Fabrik auf mich warten würde und wir gemeinsam in das Nachtleben eintauchen würden.

Meine Kollegen hatten mir schon einen großen Stapel an Uhren auf den Tisch gelegt. Ich drehte die Erste zwischen meinen Händen. Es mussten noch die kleinen Zahnräder eingefügt und die Spule aufgezogen werden.

Ich zog meinen Mantel aus und setzte mich.

Ich nahm meine Lupenbrille vom Haken und schaltete das Licht an, damit ich besser sehen konnte. Das Ganze erforderte schon ein klein wenig Geschick, eine ruhige Hand und gutes Licht.