A Royal Pain

08.04.2019

Es war einer dieser Morgen, die einen unspektakulären Tag versprachen.
Ethan hatte ein wenig länger geschlafen als sonst, ehe er sich aus dem Bett quälte, sich anzog und aus seiner Kammer nach unten ging, um mit seiner Mutter im Garten zu frühstücken. Es war einer der ersten warmen Frühlingstage und die Sonne kämpfte sich bereits in den frühen Stunden des Vormittags durch den dichten englischen Nebel.

Olivia, seine Mutter, war eine bildhübsche Frau. Selbst mit ihren 45 Jahren, die man ihr keineswegs ansah. Sie hatte das selbe rotbraune Haar wie ihr jüngster Sohn und sanfte braune Augen, die sie selbst jetzt noch geschickt bei ihrem Gatten einsetzte, wenn sie etwas haben wollte. Olivia stammte aus einer reichen englischen Familie und war mit fünfzehn Jahren aus politischen Gründen mit Thomas verheiratet worden. Sie hatte Ethan einst erzählt, dass sie nach anfänglichen Schwierigkeiten gelernt hatte, den fünf Jahre älteren zu lieben und er und Joshua die Krönung dieses Glücks gewesen waren.

Sein Vater Thomas besaß eine großgewachsene Statur, welche auf ein athletisches Aussehen in jungen Jahren schließen ließ. Sein einst dunkelblondes Haar war mit den Jahren ergraut und über seine Stirn zogen sich tiefe Falten. Er war ein eher verschlossener Charakter und ein wahrer Geschäftsmann, der das Haus Rhoeas mit einem erfolgreichen Gewürzhandel zu seinem Namen und Status verholfen hatte.

Auf Grund der guten Vorhersage für den Tag war Thomas am frühen Morgen mit seinen Leuten zur Jagd aufgebrochen und würde vermutlich vor dem Abend nicht zurück sein. Er hatte Ethan gefragt, ob er ihn begleiten wollte, doch er hatte abgelehnt. Die Jagd war noch nie ein Zeitvertreib für ihn gewesen und er war es Leid, ständig mit Joshua verglichen zu werden.

Somit hatten er und Olivia einen ruhigen Tag vor sich und konnten die nötigen Arbeiten am, um und im Haus überwachen. Die Gemüsebeete mussten neu angelegt und bepflanzt werden, die Obstbäume und -sträucher geschnitten werden, damit sie im Sommer genügend Ertrag für den gesamten Haushalt abwarfen, ebenso gab es ein paar Ausbesserungsarbeiten am Dach und der Fassade zu erledigen. Ethan hatte auch das Mähen des Grases in Auftrag gegeben, damit dieses wieder schön nachwachsen konnte und das erste Heu für die Pferde in den Stall gebracht werden konnte.

Seine Mutter hatte den großen Frühjahrsputz für heute geplant, weswegen sich Ethan dazu bereit erklärt hatte, die Arbeiten draußen zu überwachen. Er wollte den Damen schließlich nicht im Weg stehen. Und Ethan war handwerklich einfach geschickter, als mit einem Putzlappen, und übernahm aus diesem Grund gern die Arbeiten für draußen.

Der Winter war streng gewesen und es musste auch frisches Brennholz geschlagen werden. Ethan beauftragte seine Männer damit. Sie wollten schließlich nicht an den frischen Frühlingsabenden frieren.

Es war eine raue Zeit in der sie im Moment lebten. Das Land war noch immer unruhig nach den letzten Kämpfen um die Vorherrschaft der Krone, welche zu Gunsten von König James und Königin Mary ausgegangen waren, und die Bevölkerung erholte sich nur langsam nach dem letzten Ausbruch der Pest.

Diese abscheuliche Krankheit hatte beinahe zwei Drittel des Dorfes ausgelöscht, zu dem ihr Anwesen gehörte. Der größte Teil der Opfer waren Kinder, Frauen und Alte gewesen und Ethan hatte geholfen, sie in den Gräbern vor dem Dorf zu vergraben. Er würde nie den Anblick ihrer ausgemergelten und geschundenen Körper vergessen, die schrecklichen Male, welche die Krankheit auf ihnen hinterlassen hatte.

Ihr Haus hatte vielen Weisen nach dem Ende der Seuche als Unterkunft gedient, bis ihre nächsten Verwandten ausgemacht worden waren. Seine Mutter hatte in dieser Zeit ein großes Herz bewiesen, auch wenn ihres noch immer schwer vom Tod ihres ältesten Sohnes war.

Sein Bruder Joshua war der Erstgeborene im Haus Rhoeas gewesen, der Erbe des Titels, des Anwesens und der gesamten Ländereien, welche sie besaßen.

Joshua war drei Jahre älter gewesen als Ethan und im Wissen seiner späteren Aufgabe erzogen worden. Er hatte seinen Vater bereits früh an den königlichen Hof in London begleitet, um das Leben dort kennen zu lernen. Er hatte Ethan oft davon erzählt. Von den Machenschaften, den Intrigen, den Menschen die unablässig nach Macht und Höherem strebten und um das zu erlangen, vor nichts zurückschreckten. Ethan hatte sich früh geschworen, dass er diesen Ort niemals betreten würde. Er hatte schließlich ein gutes Leben auf dem Manor.

Thomas hatte Joshua, je älter er wurde, mit immer mehr Aufgaben betraut und hatte ihn im letzten Jahr auf eine Reise geschickt, um in Genua neue Handelsverträge für Pfeffer auszuhandeln.

Die Verträge hatten sie vor wenigen Monaten erreicht, zusammen mit Joshuas Leichnam. Er hatte sich mit einem Fieber infiziert und war während der Rückreise daran gestorben.

Es hatte ihre Familie in eine tiefe Krise gestoßen, denn Ethan hatte sich plötzlich mit der Tatsache konfrontieren müssen, in die Fußstapfen seines Bruders zu treten. Mit einem Mal war er der Erbe des Hause Rhoeas gewesen und musste all die Dinge, welche sein Bruder über ein Leben lang gelernt hatte, in wenigen Monaten beherrschen.

Sein Vater hatte mehr als einmal die Geduld mit ihm verloren und ihn als unwürdig beschimpft, den Titel des Dukes jemals zu tragen. Das er sich einen neuen Erben suchen würde und den Titel lieber verkaufte, als ihn an Ethan zu übergeben.

Seine Mutter hatte sich in dieser Zeit als große Stütze erwiesen. Sie hatte Joshua genauso geliebt, wie sie Ethan liebte. Aber er hatte ihr nie gehört, im Gegensatz zu Ethan, welcher sie nie hatte verlassen müssen oder fern ab von ihr erzogen worden war.

Thomas hatte es nur einmal gewagt, Ethan als verweichlicht und schwach zu bezeichnen, weil ihm die harte Hand seines Vaters all die Jahre über gefehlt hatte.

Ethan hatte seine Mutter noch nie so wütend erlebt, wie an diesem Tag. Sie hatte Thomas angeschrien, hatte ihm vorgeworfen Joshua immer bevorzugt und Ethan nie eine Chance gegeben zu haben. Ja, er war unter ihrer Obhut aufgewachsen. Ja, sie hatte ihn das gelehrt, was sie von ihren Eltern als Werte erlernt hatte. Ja, sie war froh, dass ihr wenigstens ein Sohn gelassen worden war. Aber Thomas sollte sich nie wieder trauen, sie als schwach oder verweichlicht anzusehen, nur weil sie eine Frau war. Sie kümmerte sich schließlich in seiner Abwesenheit um den Haushalt und die Geschäfte hier und er hatte in den 30 Jahren ihrer Ehe nie etwas auszusetzen gehabt.

Es schien, als hatte sich Thomas die Worte seiner Frau zu Herzen genommen, denn von diesem Moment an behandelte er Ethan mit etwas mehr Respekt. Auch wenn das Verhältnis zwischen ihnen noch immer schwierig war.

Ethan widmete sich mit zwei der Diener als erstes den Beeten. Die Erde musste ausgetauscht und aufgehackt werden, ehe sie die frische Saat ausbrachten. Es war eine körperlich anstrengende Arbeit, aber das hatte er noch nie gescheut und er fand es gut, denn es motivierte auch die Angestellten in ihrem Haus, wenn die Herrschaften selbst Hand mit anlegten.

Gegen Mittag brachte ihnen eine der Mägde einen deftigen Eintopf, damit sie wieder Kraft schöpfen konnten und sie saßen zu dritt unter einem der Apfelbäume im Garten und scherzten. Ethan genoss dieses einfache Leben sehr und wünschte sich manchmal, lieber in eine bescheidenere Familie geboren worden zu sein. Es würde für ihn kein leichtes werden, das Erbe seines Bruders und später einmal seines Vaters fortzuführen. Er besaß die nötige Ausbildung, hatte sich vieles von seiner Mutter abgeschaut und wusste, wie er die Geschäfte zu führen hatte. Aber es war einfach nicht das Leben, dass er sich in seinen jungen Jahren ausgemalt hatte.

Nach dem Mittagessen ließ Ethan die beiden Männer allein, um nach den Arbeiten auf dem Dach zu sehen. Einige der Schindel mussten erneuert werden und er stieg über eine Leiter nach oben. Der beauftragte Zimmerer klärte Ethan über das Vorankommen auf und zeigte ihm die Latten, welche auf dem Dach erneuert werden mussten, damit dieses nicht einstürzte.

"Bessert Sie ebenfalls aus," wies er den Mann an. "Wir müssen sie so oder so austauschen lassen. Warum noch ein Jahr damit warten?"

Der Zimmerer nickte und wies seine Gehilfen an, die benötigten Balken zu holen.

"Es wird nicht mehr Zeit in Anspruch nehmen, als der Austausch der Schindeln," erklärte der Mann. "Aber die Latten sind zu morsch, um noch ein Jahr damit zu warten. Es ist eine gute Entscheidung. Euer Vater wird mit Sicherheit zufrieden sein."

Ethan nickte. Jedoch bezweifelte er, dass sein Vater mit seiner Entscheidung einverstanden wäre. Es waren unnötige Kosten, die noch ein Jahr hätten warten können. Niemand musste unterm Jahr aufs Dach und selbst die Kaminkehrer konnte man anweisen, diesen Bereich zu meiden. Ethan jedoch war dieses Risiko einfach zu groß.

Er stieg die Leiter wieder nach unten, als ein aufgeregter Küchenjunge über den Rasen auf ihn zugelaufen kam.

"Master Ethan! Kommt schnell! Gerade kam ein Bote an, der dringende Nachrichten für euch und eure Mutter hat!"

Ethans Augenbraue wanderte nach oben. Welche dringende Nachricht konnte ein Bote für ihn und seine Mutter bringen? Er schüttelte den Kopf, vermutlich war es nur wegen irgendeiner Lappalie.

"Bring mich zu ihm Elias. Wollen wir uns mal anhören, was der werte Herr so dringendes für uns hat."

Ethan folgte dem Jungen und wusch sich in einer nahen Tonne noch schnell die Hände, ehe er das Haus betrat. Elias huschte geschwind durch die Küche und Ethan wunderte sich nicht zum ersten Mal, wann er seine Gelenkigkeit eingebüßt hatte, da er sich an zwei Kanten stieß und leise fluchte. Der Junge führte ihn in den großen geräumigen Wohnraum, in welchem seine Mutter auf einem der Sofas saß und ziemlich bestürzt wirkte.

"Nun, was gibt es so dringendes, dass man mich von der Arbeit am Haus fern hält?" meinte Ethan.

Der Bote verneigte sich vor ihm und nahm seinen Hut ab.

"MyLord, man hat mich mit Nachricht über euren Vater geschickt. Es tut mir Leid, euch über den Tod von Duke Rhoeas zu unterrichten. Sein Pferd scheute während der Jagd und der Duke stürzte von seinem Hengst. Er schlug mit dem Kopf auf einem Ast auf, welcher am Boden lag. Leider hat er es nicht überlebt."

Ethan hatte das Gefühl, seine Welt würde aufhören sich zu drehen.

Sein Vater war ... tot?

Aber ... das ... das war unmöglich. Er war doch heute Morgen noch völlig gesund gewesen und es war nicht das erste Mal, dass er von einem Pferd gefallen war. Er war ein exzellenter Reiter und ... kein Ast am Boden konnte das Leben des Duke of Rhoeas beenden!

Was sollte nun aus ihnen werden? Was würde aus seiner Mutter werden? Was ....

"Wir danken dir für dein schnelles kommen und das du die schwere Bürde auf dich genommen hast, uns vom Tod meines geliebten Mannes zu unterrichten." Die Stimme seiner Mutter riss Ethan aus seinen Gedanken. "Geh in die Küche und lass dir von Rose etwas zu Essen geben, um dich für deine weitere Reise zu stärken."

"Habt Dank MyLady."

Der Reiter verneigte sich erneut und ließ Olivia und Ethan allein zurück. Sie trat einen Schritt auf Ethan zu und schloss ihn in ihre Arme.

"Ich weiß, dass das nicht der ideale Zeitpunkt ist und das wir uns noch ein wenig mehr Zeit für dich gewünscht haben. Aber du musst mir jetzt zuhören Ethan!" Olivia drückte ihn von sich weg und sah ihm ernst in die Augen. "Dein Vater ist tot und das ist tragisch und schrecklich, aber wir müssen uns mit dieser Situation abfinden und da Joshua auch nicht mehr unter uns weilt, ist es nun an dir, das Haus Rhoeas zu repräsentieren. Du wirst in die Fußstapfen deines Vaters treten müssen, ob du dich dafür bereit fühlst oder nicht. Du bist mein Sohn Ethan und ich weiß, welches Potential in dir steckt, dass hast du mir in den letzten Jahren zur Genüge bewiesen. Du musst dich jetzt zusammenreißen und dich dieser schweren Aufgabe stellen!" Sie schüttelte Ethan ein wenig. "Du bist nun der Duke of Rhoeas und der Herr dieses Hauses! Mach mich stolz!"

Die letzten Worte hatte sie so leise gesprochen, dass niemand außer ihnen sie hören konnte. Olivia legte ihre Hand kurz an Ethans Wange, ehe sie sich wieder fasste.

"Wir müssen den Haushalt von Thomas Ableben unterrichten und Vorbereitungen für seine Beerdigung treffen."

Ethan nickte schwach. "Natürlich Mutter ..."

Ethan fühlte sich verloren und wünschte sich heute zum ersten Mal seit langem, die Zeit um ein halbes Jahr zurückdrehen zu können. Er wünschte sich seinen großen Bruder zurück, da dieser mit Sicherheit gewusst hätte, was man in dieser Situation zu tun hatte und wie man damit umging.

Ethan fühlte sich ... schrecklich.

"Ich werde mich ein wenig zurückziehen," sagte er leise zu seiner Mutter. "Ich fühle mich nicht wohl."

Er wartete nicht auf ihre Antwort, sondern machte sofort kehrt und ging in den ersten Stock nach oben in seine Kammer. Ethan verschloss die Tür hinter sich und ließ sich in sein frisch gemachtes Bett fallen.

Sein Vater war tot ... Ethan konnte sich nicht dazu bringen, weiter zu denken, denn immer wieder kehrte er zu dieser Tatsache zurück. Er hatte einen Elternteil verloren. Und auch wenn Thomas sicher nicht den größten Platz in seinem Leben eingenommen hatte, so hatte er doch gute Momente mit ihm verbracht. Er hatte Ethan sein erstes Pferd geschenkt, hatte ihm das Reiten und das Jagen beigebracht, als er gerade sechs Jahre alt geworden war. Er hatte mit Ethan und Joshua Ball gespielt, hatte sie stets mit Geschenken bedacht, wenn er von seinen Reisen nach Hause kam.

Thomas hatte ihm seine Werte ebenso vermittelt, wie Olivia es getan hatte und er erachtete beide als äußerst wichtig. Ethan hatte es ihm auch nie übel genommen, dass er Joshua im Bezug auf den Gewürzhandel und den Titel den Vorzug gegeben hatte, schließlich war es das Schicksal seines Bruders gewesen und nicht seines.

Und mit einem Mal war es vor knapp einem halben Jahr sein Schicksal geworden.